Lahm darf keine Tore schießen – Wie Sie T-shaped Professionals weiterbringen


Jeder Spieler auf einem Fußballplatz hat eine wesentliche Verantwortung. Die Stürmer sollen Tore schießen, die Mittelfeldspieler die Bälle nach vorne bringen, die Verteidiger sollen verhindern, dass die gegnerische Mannschaft trifft und der Torwart versucht, Schüsse aufs Tor abzuwehren und Elfmeter zu halten. Das bedeutet aber nicht, dass die Spieler nur genau und ausschließlich das machen. Wenn sich die Chance ergibt, darf auch mal ein Abwehrspieler ein Tor schießen oder ein Stürmer in der Abwehr aushelfen. Stellen Sie sich vor, Tore, die von jemand anderem als einem Stürmer geschossen werden, zählen nicht. Lahm trifft? Das entspricht nicht seiner Verantwortung als Verteidiger. Mag. Arnautovic verhindert auf der Linie ein Tor des Gegners? Die Abwehr des Stürmers gilt nicht, die gegnerische Mannschaft bekommt ein Tor zuerkannt.

Und in der Entwicklung?

Was am Fußballplatz absolut undenkbar scheint, ist in der Entwicklung von neuen Produkten gang und gäbe. Dort gibt es oft einen Hardwareentwickler, der ausschließlich Hardware entwickelt, eine Konstrukteurin, die ausschließlich konstruiert, einen Technischen Zeichner, der ausschließlich Zeichnungen erstellt, eine Einkäuferin, die ausschließlich Teile einkauft. Jeder hat seinen Bereich, für den er verantwortlich ist. Nur er kann die dort anfallenden Aufgaben übernehmen und nur in seinem Verantwortungsbereich kann er arbeiten.

Wenn wir in Firmen neue Agile Teams aufsetzen, ist einer der ersten Einwände, die wir hören oft: „Ich bin Konstrukteur, ich darf nur konstruieren.“ oder „Ich teste nicht, dafür haben wir Versuchsmitarbeiter.“ Es wird die Möglichkeit außerhalb des eigenen Bereichs zu arbeiten oder zu helfen gar nicht in Betracht gezogen. Fehlt es zum Beispiel akut an freien Zeichnern oder ist der Teamkollegen überlastet, kommt es selten bis gar nicht vor, dass der andere Kollege, der vielleicht die nötigen Fähigkeiten hätte, dem ersten hilft und somit das Projekt nach vorne bringt.

Was ist der Grund dafür?

  • Ich will keine Fehler machen, deshalb helfe ich nicht.
  • Ich bin überlastet, deshalb helfe ich nicht.
  • Ich kenne mich dort nicht aus, deshalb helfe ich nicht.
  • Mein Chef verbietet mir zu helfen, da ich überqualifiziert bin und das ja Ressourcenverschwendung wäre. (Ja, auch schon erlebt.)

Würden die Teammitglieder ein bisschen links und rechts neben ihrem eigenen Verantwortungsbereich schauen, würden sie merken, dass sie sehr wohl helfen könnten.

T-shaped Professionals in der Produktentwicklung

Auch wenn der Verteidiger seine große Stärke in der Abwehr ausspielen kann, sind seine Fähigkeiten als Stürmer trotzdem gut genug, um auch mal ein Tor zu machen. Der Verteidiger reagiert situativ und flexibel auf die aktuellen Anforderungen, anstatt sich zurückzuziehen und darauf zu warten, bis der Gegner den nächsten Angriff startet. Auch wenn der Stürmer im Mittelfeld aushilft, ist er nach wie vor Experte im Schießen von Toren. Genau so verhält es sich auch in der Entwicklung. Der Konstrukteur konstruiert, doch wenn er Zeit hat, darf er ruhig auch mal testen oder in der Fertigungs- oder Prozessplanung unterstützen. Das macht ihn nicht weniger zu einem Experten. In der Agilen Community nennt man Mitarbeiter, die fachliche Expertise in ein paar wenigen Bereichen haben und trotzdem Basiswissen in angrenzenden Bereichen haben „T-shaped Professionals“. Sie werden erstaunt sein, in wie vielen Bereichen außerhalb der eigenen Verantwortung man durchaus sinnvoll helfen kann.

Ein sehr positives Beispiel für diese Hilfsbereitschaft liefert eine niederländische Firma. Dort hat ein Mitarbeiter aus der Fertigungsprozessplanung in einer Phase, in der er eigentlich noch nicht so viel zu tun hatte, gerne und wie selbstverständlich seine Hilfe angeboten und so die Designer im Team, die mit neuen Aufgaben zugemüllt wurden, unterstützt und entlastet. Das hat dem Projekt und allen Mitgliedern gut getan und Ruhe ins Team gebracht.

Designated Teams

Die Voraussetzung dafür: Offenheit und eine nachhaltige Teamzusammensetzung. Nur wenn die Teammitglieder das Gefühl haben, sagen zu dürfen, dass sie Zeit frei haben, ohne vom eigenen Chef und Abteilungskollegen dafür mit einem Maulkorb bestraft zu werden, werden sie dies auch tun. Außerdem muss absehbar sein, dass der Gefallen, der da geleistet wird, später auch wieder zurückgezahlt werden kann. Werden die Designer später aus dem Team genommen, ohne dass sie sich revanchieren konnten, wird der Prozessplaner einmal und nie wieder geholfen haben. Aus diesem Grund ist die Konsistenz im Team so wichtig. Das Stichwort hier lautet „designated teams“.

Fußball ist ein Teamsport, genau wie die Entwicklung neuer Systeme oder Software und nur wenn alle zusammenarbeiten, wird man das Spiel am Ende auch gewinnen. Da zählen Tore vom Verteidiger genauso viel, wie Tore der Stürmer. Lassen Sie Ihr Team also auch wirklich als Team arbeiten. Und trauen Sie sich, auch mal über Ihren Schatten zu springen. Sie und Ihr Team werden daran wachsen und davon profitieren.

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